|
Grundideen meiner Arbeit am Beispiel von sechs Projekten
Im folgenden versuche ich, meine wichtigsten Arbeiten nicht nur zu beschreiben, sondern auf Grundmotive, Methoden und Zielsetzungen hin zu untersuchen. Und angesichts der begrenzten Zeit beschränke ich mich auf die Entwicklungslinie der Arbeiten mit wissenschaftlich-technischen Themen seit meiner ersten Performance "Rational Scientific Art", am 4.Februar1987 in der Aula der Münchner Akademie der bildenden Künste. Ich berichte also über einen Zeitraum von 12 Jahren, und fasse die sechs zum Teil parallel entstandenen und sich über mehrere Jahre hinziehenden Kunstprojekte unter drei thematischen Kriterien zusammen: theoretische Physik, wissenschaftliches Experiment, technische Anwendung.
"Rational Scientific Art" war zunächst einmal ein Manifest: Ich erklärte programmatisch die Naturwissenschaft zur Kunst und rief die Kunstrichtung "Rational Scientific Art" ins Leben. Vom Stand meiner damaligen Möglichkeiten als Kunststudentin aus betrachtet war dies durchaus ein Akt der Selbstüberholung. Vom damaligen Stand der allgemeinen Kunstentwicklung aus betrachtet aber kam ich jedenfalls mit der von mir erfundenen Kunstrichtung entweder 25 Jahre zu spät oder 5 Jahre zu früh und blieb zunächst die einzige Vertreterin dieser "Bewegung". Auch daß Künstler pseudowissenschaftliche Vorträge halten war 1987 durchaus unüblich, weshalb ich zur Performance und nicht zum Vortrag einlud und die "Performance" mit einer Reihe von 14 Leinwandgemälden garnierte, vergrößerte Notitzzettel mit physikalischen Formeln, das heißt mit einem Anklang an mathematisch interessierte Kunst der 60iger Jahre (Rune Miels, Bernard Venet, Onkawara). Nach einleitenden Sätzen, in denen ich die Einheit von Kunst und Wissenschaft beschwor, hielt ich einen Vortrag über den Physiker Prof. Dr. Roland Zoschka und dessen revolutionäre, quantenmechanische Deutung des Gravitationsphänomens. Dieser berühmte Professor aber war, für ein Kunstpublikum nicht unbedingt ersichtlich, frei erfunden und seine Theorie war die Jugendträumerei eines meiner Freunde, inzwischen zu einem ganz gewöhnlichen Normalwissenschaftler herangewachsen. Für zusätzliche Irritation sorgten fachbezogene Zwischenfragen aus dem Publikum, die ebenfalls inszeniert waren. Da die vorgetragene Gravitationstheorie ausschließlich aus physikalischen Formeln bestand - die Massenanziehung wurde durch Wechselwirkungen der kleinsten Teilchen der Materie, der Quarks, erklärt -, war sie für das Publikum vollkommen unverständlich. Ich stellte also im allgemeinen Teil affirmativ die Vereinigung von Kunst und Naturwissenschaft als wünschenswertes und erreichbares Ziel dar. Tatsächlich habe ich die Kunst jedoch als Sockel benutzt um die dillettantische Spekulation eines Normalwissenschaftlers als die Nobelpreisarbeit eines Genies darzustellen. Gleichzeitig benutzte ich die mathematische Dimension physikalischer Theorie, um die Sprachbarriere, vor der jeder Laie kapitulieren muß, erfahrbar zu machen.
An der Physik reizte mich die spekulative Kraft, die selbst unvorstellbarste Theorien wie "Schwarze Löcher" oder Antimaterie entwerfen, sie tatsächlich messen, oft sogar technisch nutzbar machen kann. Wenn ich im Zusammenhang mit meinem Manifest "Rational Scientific Art" von einem Akt der Selbstüberholung sprach, dann bot eines der folgenden Projekte - "Reversion als Realisation negentropischer Prozesse im makroskopischen Bereich"- die Gelegenheit, mich nachträglich intensiv in die physikalische Materie einzuarbeiten. "Reversion als Realisation negentropischer Prozesse im makroskopischen Bereich" bezieht sich auf die Tatsache, daß die Zeit ausschließlich in einer Richtung verläuft und sich nicht umkehren läßt.
Bei der Lektüre physikalischer Literatur fiel mir auf, daß im Gegensatz zu dieser umfassend gültigen Erfahrung sowohl in der klassischen Physik (Newton´sche Mechanik) wie in der modernen Teilchenphysik von der grundsätzlichen Umkehrbarkeit physikalischer Prozesse ausgegangen wird. Ich bemühte nun erneut den im Gründungsvortrag der "Rational Scientific Art" erfundenen Prof. Zoschka und ließ ihn eine Versuchsreihe durchführen, mit dem Ziel, die Umkehrung eines bisher mit absoluter Sicherheit für unumkehrbar gehaltenen, makroskopischen Vorgangs zu erreichen: Ein durch Schallwellen zerstörtes Trinkglas sollte, in einem von Zoschka als "Reversion" bezeichneten Vorgang wieder in seinen ursprünglichen, unzerstörten Zustand überführt werden.
Hier hatte ich im Zusammenhang mit dem Ausstellungsprojekt "Nos Sciences Naturelles" das Glück, mit dem Atomphysiker Prof. Dr. Jean Claude Dousse von der Universität Fribourg in Kontakt zu kommen, der mir half, das unmögliche Experiment möglichst realistisch darzustellen. Die Universität Fribourg stellte mir einen Versuchsaufbau "Resonanz am Weinglas" zur Verfügung, so daß ich in meinem Vortrag vom 23. Juni 1992 den Zerstörungsvorgang vorführen konnte, dessen Umkehrung im Zoschka`schen Glasversuch angestrebt wird. Negentropie, von mir und meinen Physikerinformanten uminterpretiert, wird normalerweise auf Daten und nicht auf Gegenstände angewandt. Zoschka führt dem System die verlorengegangene Energie und Information wieder zu. Der besondere Trick ist jedoch die statistische (thermodynamische) Definition von Entropie was soviel bedeutet wie Zunahme der Unordnung. Bei einer statistischen Beschreibung der Wirklichkeit läßt sich auch der unwahrscheinlichste Fall (Reversion) nicht ausschließen, - Zoschka muß nur genügend (zehn hoch 14) Versuche machen. In meiner Arbeit "Reversion als Realisation negentropischer Prozesse im makroskopischen Bereich" habe ich die Wunschvorstellung der Zeitumkehr als realisierbar dargestellt und dafür physikalische Theorien benutzt. Anders ausgedrückt, ich habe physikalische Zeitvorstellungen ins Banale kippen lassen, indem ich sie wörtlich nahm und direkt auf die Welt der Alltagsgegenstände übertug.
Bei den Recherchen zum Thema "Zeitumkehr" stieß ich auf das berühmte
Paradoxon des österreichischen Physikers Erwin Schrödinge, - Schrödingers
Katze. Mit seinem Gedankenexperiment von 1935 veranschaulicht er die Kluft
zwischen der Welt unserer Erfahrung und der Welt der Quantenmechanik, d.h.
der Theorie der kleinsten Teile der Materie. Eine Katze wird mit einer
radioaktiven Probe, deren Zerfallswahrscheinlichkeit 50% beträgt, für eine
Stunde in eine Stahlkammer gesperrt. Wenn ein radioaktiver Zerfall
stattfindet, wird ein Tötungsmechanismus ausgelöst. So überträgt sich die
Unschärfe des Elementarprozesses auf den Zustand der Katze:
Quantenmechanisch betrachtet ist die Katze im geschlossenen Kasten
gleichzeitig halb tot und halb lebendig. Erst wenn der Experimentator den
Kasten öffnet, entscheidet sich ihr Zustand. Ich ließ einen entsprechenden
Stahlkasten bauen und machte Fotos, auf denen ein Wissenschaftler gerade
den Kasten öffnet. Schrödingers Kasten zu realisieren, macht eigentlich
keinen Sinn, da die Welt unserer Erfahrung sich nicht wie der Mikrokosmos
der Quarks und Quanten verhält und eine Kopplung beider Welten nur
gedanklich zur Verdeutlichung des Unterschieds sinnvoll erscheint. Wenn ich
den Kasten trotzdem baue, weise ich auf den Umstand hin, daß auch
angesichts der bis heute ungelösten Grundsatzfragen der Quantenmechanik
ihre technische Verwertung hervorragend funktioniert, - und uns die
gesamten neuen Technologieen des 20. Jahrhunderts von der Kernspaltung bis
zur Mikroelektronik und Gentechnik beschert hat.
Bei "Rational Scientific Art", "Reversion" und "Schrödingers Katze" ging es
mir zunächst um die inhaltliche Aneignung und die Visualisierung von
Themen der theoretischen Physik. Ich komme nun in einem zweiten Schritt zum
Thema "wissenschaftliches Experiment": Der "Tausendjährige Raum", abgekürzt
TARA, war ein solches Experiment, dem folgende Idee zu Grunde liegt: In
einem Versuchswohnraum werden innerhalb eines Jahres 1000 Jahre Alterung
simuliert. Ich beschreibe den TARA als wissenschaftlichen Versuch, der
angeblich am Max Planck Institut durchgeführt wird. Alle Faktoren, die
Veränderungen im Wohnraum hervorrufen, werden mit Hilfe von Apparaturen wie
einem Klimasimulator, einer Staubmaschiene und einer künstlichen Sonne
simuliert, vorallem aber durch Arbeiter, die rund um die Uhr im TARA
arbeiten und die raumumschließenden Flächen weißen, tapezieren usw. Mit
jedem simulierten Mieterwechsel, werden so die Spuren der mit großem
technischen Aufwand um das Tausendfache beschleunigten Alterungsvorgänge
vernichtet: Der "Tausendjährige Raum" sieht am Ende aus wie neu. In
Ausstellungen zeigte ich Serien von Wand- und Bodenstücken, die angeblich
Proben aus dem TARA waren und wissenschaftlich anmutende Informationstafeln
mit beschreibendem Text, Fotos Tabellen und Diagrammen. Mein Experiment
sollte einen Wesenszug der Naturwissenschaft enthüllen: Die Reduktion der
höchst komplexen Wirklichkeit auf isolierte Phänomene, um sie exakt messen
zu können, sie wiederholbar und rational nachvollziehbar zu machen, mit dem
Ziel Grundlagen für eine gezielte Veränderung der Wirklichkeit zu schaffen.
Im übrigen ermöglicht die von mir erfundene Versuchsanordnung nur scheinbar
die Simulation von beschleunigten Alterungsvorgängen, ist also eine
simulierte Simulation. Was meine Vorträge bzw. Informationsausstellungen
realistisch erscheinen läßt, ist die Kopie eines wissenschaftlichen
Sprachstils, die Visualisierung mittels Fotodokumentation, technischer
Zeichnungen, statistischer Kurven, und vorallem die systematische
Berücksichtigung aller Teilaspekte, die sich allerdings im Rahmen der
beschleunigten Simulation gegenseitig ausschließen können, also zum
Beispiel die Vorgänge Tapezieren und Vergilben. Unter diesen
Vorraussetzungen aber sind von einem derartigen Experiment ohnehin keine
realen Ergebnisse zu erwarten. Im "Tausendjährigen Raum" geht es also um
die Schaffung einer Ersatzwirklichkeit durch die Simulation komplexer
Vorgänge. Ich parodiere den Anspruch auf Wirklichkeitsnähe von
Simulationsexperimenten, da in meinem Experiment durch die tausendfache
Beschleunigung das Problem der Gleichzeitigkeit sich gegenseitig
ausschließender bzw. störender Teilaspekte deutlich wird.
Der "Modellversuch ROT" bezieht sich auf "Bilder mit monochromen
Farbflächen", als "Kunstwerke" ästhetische, auratische, bedeutungsgeladene
Objekte, die aber in meinem Experiment unter dem Gesichtspunkt der
Erhaltung ihrer materiellen Substanz ausschließlich als Produkt kausaler
und exakt meßbarer Zusammenhänge betrachtet werden. Dabei wählte ich auch
die Farbe Rot (Nähe zu Blut und menschlicher Leiblichkeit) und nicht Weiß
oder Hellgelb (auf denen Verschmutzungen bedeutend leichter zu sehen
wären), weil mich die Nähe der Restauratorensprache zur Sprache der Medizin
faszinierte. So sind die Bildobjekte des Modellversuchs durchaus auch
Stellvertreter für menschliche Objekte, die hier gleichermaßen einer
wissenschaftlich- materialistischen Betrachtungsweise unterworfen werden.
Im Gegensatz zu den vorher beschriebenen Projekten ist der in einer Reihe
von Ausstellungen (u.a. 1993 im Kunstraum München und in der Berliner
Nationalgalerie) gezeigte "Modellversuch ROT" keineswegs fiktiv. Handelt es
sich doch um eine realistische Untersuchung zum Schicksal moderner Malerei
im Alltag. Angeregt durch das Buch "Restaurierung moderner Malerei" von
Heinz Althöfer stellte ich im Sommer 1991 dreiundsiebzig identische
Malereimodelle her. Die Entstehung der kleinformatigen, monochromen
Leinwandgemälde wurde ausführlich dokumentiert. Jedes der Bilder ist
streifenförmig in den drei gängigsten Maltechniken (Acryl, Öl, Eitempera)
bemalt. Modell Nr.1, das Referenzexemplar, wurde unter Idealbedingungen
gelagert. Die restlichen Modelle wurden nach ihrer Fertigstellung in den
realen Kunstkreislauf eingeschleust und an verschiedenen Orten ausgestellt.
Modell Nr.2 bis Modell Nr.31 wurden entsprechend ihrer numerischen Abfolge
verkauft. Der gesamte Versuchsverlauf ist durch Fotografien, Protokolle und
Messungen dokumentiert. Ich entwarf eigens Formblätter für die
Schadenszeichnungen. Die neuen Besitzer der Modelle haben sich sogar
verpflichtet, regelmäßig Schadensprotokolle anzufertigen. Bei der
Durchführung des Modellversuchs bekam ich vielfältige Unterstützung: So
wurde ich von dem Hamburger Restaurator Christian Scheidemann beraten, im
Münchner Dörner-Institut wurde eines der Modelle mit dem Mikroskop
untersucht, Kunsttransportfirmen führten Gratistransporte durch und ein
Meßgerätevertrieb überließ mir ein Datensammelgerät zur Messung von
Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen. 1996, als ich die Bilder das
letzte mal untersucht habe, war bereits ein anschauliches Schadensbild
festzustellen: Die häufigsten Schäden sind Glanzstellen, Kratzer, sowie
kleinflächiger Farbabrieb an den Seiten und Kanten der Bilder und in den
Randbereichen der Bildfläche. Der Modellversuch ROT wurde in "Restauro",
der führenden Restauratorenzeitschrift unkommentiert abgedruckt. Mit dem
Modellversuch ROT habe ich also eine echte Feldstudie entwickelt, das heißt
der Gegenstand wird in seiner natürlichen Umgebung untersucht.
Versuchsanordnung und Verlauf sind realistisch und für die restauratorische
Praxis von Interresse. Nur die begleitenden Messungen und die Dokumentation
der Alterungsvorgänge blieben notgedrungen höchst unvollständig: Um den
Modellversuch ROT korrekt durchzuführen, hätte ich ein kleines Institut
haben müssen. Deshalb sprach ich in meinen Vorträgen und Texten zum
Modellversuch ROT auch von einem nicht näher definierten "Wir"
Im Modellversuch ROT bietet Kunst, wenn sie sich ganz in den Dienst ihrer
eigenen wissenschaftlichen Untersuchung stellt, die Ideale
Versuchsanordnung. Normalerweise werden Versuche an Malereimodellen im
Labor durchgeführt. Dummies werden Drop -Tests unterworfen geschüttelt,
berieben, in Klimakammern gesteckt. Das Zusammenwirken der einzelnen
Alterungsfaktoren kann jedoch nur an Originalen untersucht werden, deren
materielle Zusammensetzung und Entstehungsbedingungen ebensowenig bekannt
sind, wie ihr bisherige Lebensgeschichte. Nur als Künstlerin kann ich
sowohl den Entstehungsprozess der Modelle und Ihr weiteres Schicksal genau
verfolgen als auch die Modelle in den realen Kustkontext einschleusen. Wenn
ich einmal davon absehe, daß mir die konsequente Durchführung nicht möglich
war, bestand beim Modellversuch ROT durchaus die realistische Möglichkeit
ein Kunstprojekt zu verwirklichen, das wissenschaftlich verwertbares
Datenmaterial liefert.
Mit dem sogenannten SBF-Systems wenden wir uns schließlich noch meinem
dritten Themenkomplex zu, der technischen Anwendung wissenschaftlicher
Erkenntnisse. Als Wirklichkeitsbereich, in dem ich das Phänomen der
technischen Problemlösung künstlerisch untersuchen wollte, wählte ich die
durch die Technikentwicklung der letzten Jahrzehnte immer weiter
eskalierende Abfallproblematik, und hier wiederum speziell den Hausmüll.
Angeregt durch Probleme und Skandale in Verbindung mit der Einführung des
Dualen Systems Deutschland, begann ich vor einigen Jahren damit, den
täglich in unserem Haushalt anfallenden Müll zu sammeln und entwickelte das
SBF- System als Alternative zum Grünen Punkt. Das Sammeln-Bewahren-Forschen
Abfallwiederverwertungssystem basiert auf dem Grundgedanken, daß die
Verpackungsabfälle nicht einer aufwendigen Recyclingmaschinerie
überantwortet werden sollen sondern dort gereinigt, gesammelt und verwertet
werden müssen, wo sie entstehen: im privaten Haushalt. Ich entwickelte
deshalb eine ganze Serie von Patenten zur Produktion von
Gebrauchsgegenständen aus Hausmüll, z.B. Papierkörbe aus Plastktüten und
Geschenkbändern, Fußabstreifer aus Milchtüten usw. Unser Haushalt wurde
sozusagen in einen Testhaushalt verwandelt, eine Kombination aus
Abfallsammelstelle, Wiederaufbereitungsanlage und Wiederverwertungsbetrieb.
Am konsequentesten ist mir das bei einem halbjährigen Aufenthalt auf Island
gelungen. Ich sammelte ein sechs Monate lang sämtliche in unserem
Vierpersonenhaushalt anfallenden Abfälle, die sich reinigen und ohne
Geruchsbelästigung lagern lassen. Am Ende des Aufenthalts lud ich das
isländische Kunstpublikum zur Besichtigung unseres Hauses ein. So konnten
die umfangreiche Abfallsammlung auf dem Speicher, die vielfältigen
Reparaturen und der aus dem Abfall gebastelte Hausrat in situ, d.h. in
seiner natürlichen Umgebung besichtigt werden. Durch die Anhäufung des
Materials war ein vielfältiges Potential entstanden, das anders als auf
einer Müllhalde in der Wohnung die menschliche Relation behält. Dabei wird
auch deutlich, daß ein solches Verhalten zwangsläufig zu Stauungen führen
muß: das Endlager in den eigenen vier Wänden. Doch ökologisch gesehen ist
der Leitsatz des SBF- Systems sicher richtig: "Es ist besser den Abfall zu
behalten als ihn wegzuwerfen".
In einer Reihe von Ausstellungen u.a. in Zagreb, Graz, Marseille und Osaka,
hatte ich Gelegenheit, meine ständig wachsende Sammlung von gewaschenen und
sortierten Haushaltsabfällen und meine über 100
Wiederverwertungsmöglichkeiten und Recyclingpatente. Gleichzeitig
entwickelte ich verschiedene Textbeiträge: Darstellungen des SBF-Systems
als eine Art Bürgerbewegung oder in Form von als Bürgerinformation
getarnter Propaganda im Stil der Werbung für das Duale System Deutschland
oder ich lasse fiktive Wissenschaftler in einem Testhaushalt die Ökobilanz
des SBF-Systems erstellen. Andere perspektiven eröffnet die Beschreibung
des SBF-Systems als das persönliche Wahnsystem einer Einzelperson, die
unter dem Zwang leidet nichts wegwerfen zu können (sog. Messies). Das
inzwischen höchst umfangreiche Fotomaterial zum SBF-System ist ebenso
heterogen wie die durch Schautafeln und Diagramme ergänzte Textebene und
reicht vom alltäglichen Schnappschuß über Dokumentationsfotos bis zu
gestellten Fotos mit Werbeästhetik.
Nachdem das Motto des SBF-Systems - Sammeln Bewahren Forschen - auch die Aufgaben des Museums charakterisiert, sind wir nun am Ende meiner Reise durch Teibereiche der theoretischen Physik, vorbei an den Klippen experimenteller Wirklichkeitserfassung und den Untiefen umwelttechnischer Lösungsversuche unversehens im Museum gelandet: das Museum als Ort rückwärtsgewandter kultureller Aufarbeitung der vorauseilenden Entwicklung technischer Veränderungsmöglichkeiten. Müßte ich nun abschließend eine Begründung für die hier vorgestellte Auswahl von sechs meiner Projekte liefern, die mich z.T. parallel in den vergangenen Jahren beschäftigt haben, so könnte ich vielleicht behaupten, daß es mir immer wieder darum gegangen sei, einen Zustand zu überwinden, den man heute gelegentlich als "cultural lag" bezeichnet, ein Zurückbleiben, oder Hinterherhinken, der Kultur hinter der rasanten Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Industrie. Wenn ich aber wissenschaftliche Verfahrensweisen wie Theoriebildung oder Experiment ironisch künstlerisch nachvollziehe, sie von den Sachzwängen löse und in den Freiraum der Kunst hineinnehme, ergeben sich neue Perspektiven für die Betrachtung und Bewältigung von Wissenschaft und Technik. Und das gilt ebenso für den gelegentlich leicht parodistischen Umgang mit einem an sich sehr ernsten Thema wie der Abfallentsorgung.
|